Musik in schwierigen Zeiten – Folge 168

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
Schicksalstage, die den Lebensweg eines Menschen entscheidend beeinflussen, gibt es wohl für uns alle – für mich zählt der 29. Juni 1994 dazu. An diesem Sonntagabend leitete der damalige Helmstedter Propsteikantor Friedrich Isenbürger in der St.-Stephani-Kirche sein letztes Chorkonzert vor dem Ruhestand. Neben Beethovens Messe C-Dur op. 86 stand auch das Te Deum von Anton Bruckner mit der Helmstedter Bachkantorei auf dem Programm.
Zum ersten Mal durfte ich bei so einem großen Chorprojekt als Musiker mitwirken. Bereits die Orchesterprobe, die im Probensaal der Deutschen Oper Berlin zu Beginn der Woche stattfand, begeisterte und beeindruckte mich. Die Generalprobe fand dann mit Chor und Orchester am Sonntagvormittag in Helmstedt statt. Chor und Orchester musizierten im Altarraum der Stephani-Kirche, und der Orgelpart sollte natürlich an der großen Schuke-Orgel von der Orgelempore am anderen Ende der Kirche erklingen – dafür war ich vorgesehen.
Wer einmal auf solche Entfernung versucht hat, mit Chor und Orchester in einem großen Kirchenraum gemeinsam zu musizieren, weiß, wie schwer dies ist, zeitliche Verzögerungen des Klangs sind unvermeidbar. Mit Hilfe von Videokamera und Monitor sollten diese Hürden für den Organisten überwunden werden. Die Technik war seinerzeit noch nicht so ausgefeilt wie heute – ohne Kopfhörer, der den Ton direkt vom Altarraum in mein Ohr geschickt hätte, war es ein beinahe aussichtsloses Unterfangen. Wenn dann auch noch das Bild ausfällt, ist das Desaster unvermeidbar, denn die Orgel spielt in diesem Stück entweder nur laut oder sehr laut – jeder falsche Einsatz würde bei sämtlichen Mitwirkenden und Publikum Kopfschütteln auslösen. Kurz: Die Generalprobe war für mich eine einzige Katastrophe.
Wer scheinbar völlig gelassen blieb, war Friedrich Isenbürger. Am Abend lag an der großen Orgel ein Kopfhörer bereit, Bild und Ton waren nun wirklich synchron für mich abzunehmen, und die Aufführung verlief sehr gut. Für dieses Abschlusskonzert gab es minutenlange Ovationen für den Mann, der sich nach mehr als zwanzigjähriger Tätigkeit von Helmstedt verabschiedete. Bei der anschließenden Feier gab er mir in der ihm eigenen Art den energischen Rat, doch endlich Kirchenmusik zu studieren – und dafür bin ich ihm heute noch dankbar, auch wenn es noch drei weitere Jahre bis zum Beginn des Studiums dauern sollte.
Kurz und gut: Anton Bruckners Te Deum nimmt einen besonderen Platz in meinem Leben ein und soll daher unser heutiges Musikstück sein: An dieser Komposition hatte Bruckner mehrere Jahre lang gearbeitet, bis er sie 1884, etwa gleichzeitig mit seiner siebten Sinfonie, vollenden konnte. Der Text „Te Deum laudamus“ („Wir loben Dich, oh Gott“) entstammt einem bekannten lateinischen Gebet, welches vor allem zu festlichen Anlässen wie Krönungen und Bischofsweihen genutzt wurde. In Wien tobten heftige Grabenkämpfe zwischen den zahlreichen Brahms-Anhängern rund um den Musikkritiker Eduard Hanslick und Anhängern der Musikphilosophie Richard Wagners und Franz Liszts. Der sensible Bruckner galt spätestens seit der Widmung seiner dritten Sinfonie an Richard Wagner als dessen Anhänger und drohte zwischen den Fronten zerrieben zu werden.
Zur Entstehungszeit hatte Bruckner jedenfalls seinen Platz in Wien gefunden und aus Dankbarkeit für die überstandene Zeit und als Zeichen seines Gottvertrauens entstand die Idee des Te Deums als musikalisches Gotteslob. Bruckner verstand seine musikalische Begabung stets als Gabe Gottes, was auch ein Zitat über dieses Werk unter Beweis stellt: *“Wenn mich der liebe Gott einst zu sich ruft und fragt: „Wo hast du die Talente, die ich dir gegeben habe?“, dann halte ich ihm die Notenrolle mit meinem Te Deum hin, und er wird mir ein gnädiger Richter sein.“ *Dem sonst so selbstkritischen Bruckner war die Bedeutung seines Te Deums also durchaus bewusst. So bezeichnete er es auch als *„Stolz seines Lebens“* und verfügte sogar, es als Finalersatz seiner unvollendet gebliebenen neunten Sinfonie zu verwenden.
Eine persönliche Anmerkung sei mir an dieser Stelle gestattet: Ich habe so eine Aufführung einmal in Köln erlebt und würde diese Kombination nicht wieder so hören wollen – zu unterschiedlich sind die Werke, als dass das Te Deum die neunte Sinfonie sinnvoll und befriedigend beschließen könnte.
Das knapp halbstündige Werk besteht aus fünf Teilen und gipfelt schließlich in einem grandiosen C-Dur-Finale. Nach der Uraufführung im Jahr 1886 durch Hans Richter war die Reaktion von Publikum und Presse enthusiastisch. Das Werk fand schnell weltweite Verbreitung und ist bis heute eine der am häufigsten aufgeführten Kompositionen Bruckners.
Zwei Aufführungen darf ich Ihnen heute hier vorstellen – zunächst einen Mitschnitt aus dem Wiener Musikverein aus dem Jahr 1978: Es singen und musizieren Anna Tomowa-Sintow (Sopran), Agnes Baltsa (Mezzosopran), David Rendall (Tenor) und José van Dam (Bass), der Wiener Singverein und die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan.

Die Eröffnung der Salzburger Festspiele ist traditionsgemäß ein herausragendes Ereignis. 2010 feierten die Festspiele, von vielen als das renommierteste Musikfestival weltweit betrachtet, ihr 90-jähriges Jubiläum und zugleich das 50-jährige Bestehen des Großen Festspielhauses. Anton Bruckners Te Deum bildete am 26. Juli auch den Abschluss des Festkonzerts – die Besetzung: Dorothea Röschmann (Sopran), Elina Garanca (Mezzosopran), Klaus Florian Vogt (Tenor) und René Pape (Bass) sowie die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Daniel Barenboim, der 2010 in Salzburg sein 60-jähriges Bühnenjubiläum begehen konnte:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler