Musik in schwierigen Zeiten – Folge 167

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
erst am vergangenen Mittwoch erhielt ich durch eine Mail des britischen Musikmagazins „Grammophone“ die Nachricht, dass die von mir sehr verehrte Mezzosopranistin Christa Ludwig bereits am 24. April im Alter von 93 Jahren in ihrem Haus in Klosterneuburg bei Wien verstorben ist. Die heutige Ausgabe des Newsletters soll daher dieser großartigen Sängerin gewidmet sein.
Fast ein halbes Jahrhundert stand Christa Ludwig, geboren am 16. März 1928 in Berlin, auf der Bühne der Wiener Staatsoper, an der sie 43 Partien sang. 1994 verabschiedete sich die Mezzosopranistin von der Bühne. Sie hat mit nahezu allen großen Dirigenten ihrer Zeit gearbeitet, u. a. mit Otto Klemperer, Sir Georg Solti und ihren drei Lieblingsdirigenten Karl Böhm, Herbert von Karajan und (vor allem) Leonard Bernstein. Sie wurde umjubelt und feierte einen Triumph nach dem anderen. Und doch blieb sie immer ganz „normal“, eine „Primadonna“ ist sie nie geworden.
Christa Ludwig war ein Naturtalent, ihre Stimme und ihre Musikalität wurden ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn sie war die Tochter des Sängerpaares Anton Ludwig und Eugenie Besalla. Von ihr erhielt sie Gesangsunterricht. 1955 wurde die junge Sängerin an der Wiener Staatsoper engagiert, und von dort aus eroberte sie die internationale Opernwelt, sowohl als Mozart-, wie als Verdi-, als Wagner- und als Richard Strauss-Sängerin, aber auch als gefragte Konzert- und Liedinterpretin. Christa Ludwig hatte alles, was man von einer Sängerin verlangt: Eine kerngesunde, große, schöne und ausdrucksfähige Stimme, eine psychologisch intelligente Nuanciertheit im Sängerischen und absolute Wortverständlichkeit.
Sie trat im Vollbesitz ihrer Stimme ab und bekannte nach Ende ihrer Karriere: „Sängerin möchte ich nie wieder sein!“. Das Motto der Marschallin aus dem Rosenkavalier war ihr Altersmotto: „Leicht muss man sein, mit leichtem Herzen und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen“. Sie war bis ins hohe Alter eine gefragte Gesangspädagogin bei vielen Masterclasses. Bis zuletzt hatte sie Charisma, Witz, eine scharfe Zunge und eine klare Position zu kontrovers diskutierten Fragen unserer Zeit (Sängerausbildung, #metoo-Debatte etc.).
Eine kleine Auswahl von Christa Ludwigs Auftritten habe ich heute für Sie zusammengestellt – und so groß die Auswahl auf dem ersten Blick auch erscheinen mag, bleibt sie unvollständig; Mozart, Wagner und Strauss fehlen hier. Meine erste Empfehlung: Die Rückert-Lieder von Gustav Mahler, aufgezeichnet am 22. März 1992 beim Festkonzert anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Wiener Philharmoniker im Großen Saal des Musikvereins, der Dirigent ist Riccardo Muti:

1963 sang sie an der Deutschen Oper Berlin die Titelpartie in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ – eine Oper, die sie immer besonders stimmlich gefordert hat und als Mezzosopranistin immer ihr „Sorgenkind“ blieb. In einem Interview mit dem NDR aus dem Jahr 1999 bekannte sie einmal, dass sie das Quartett „Mir ist so wunderbar“ zu Beginn als himmlische Musik empfinde, den Rest der Oper allerdings gar nicht mehr bräuchte. Wen würde es wundern, denn die gefürchtete Arie „Abscheulicher! Wo eilst du hin?“ kommt erst noch… – das Quartett und die Arie können Sie in den folgenden beiden Links sehen, es singen Christa Ludwig, Lisa Otto, Joseph Greindl und Martin Vantin, das Orchester der Deutschen Oper Berlin wird von Artur Rother geleitet:

Mit ihrem ersten Ehemann Walter Berry trat Christa Ludwig am 25. Dezember 1967 in Leonard Bernsteins Young People’s Concert „A Toast to Vienna in 3/4-Time“ in der New Yorker Avery Fisher Hall auf – drei Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler standen damals mit dem New York Philharmonic auf dem Programm: „Rheinlegendchen“, „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ und „Verlorne Müh‘!“
1972 trafen Christa Ludwig und Leonard Bernstein erneut zusammen – ein ganzer Abend mit Brahms-Liedern wurde im Wiener Konzerthaus aufgezeichnet, u. a. auch mit den beliebten Zigeunerliedern op. 103. Das genaue Programm finden Sie in der Vertiefung des folgenden Links:

Christa Ludwig hat in Proben nie den Konflikt gescheut, wenn sie musikalisch anderer Meinung war als der Dirigent – selbst Leonard Bernstein blieb davon nicht verschont, wie der folgende Probenausschnitt zu Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ aus dem Jahr 1972 mit dem Israel Philharmonic beweist:

Zur Aufführung waren natürlich alle Konflikte bereinigt; aus Mahlers „Das Lied von der Erde“ möchte ich Ihnen den letzten Satz „Der Abschied“ empfehlen, es sind 30 sehr bewegende Minuten – für Christa Ludwig blieb diese Aufführung von Mahlers Werk neben der legendären Aufnahme mit Fritz Wunderlich und Otto Klemperer aus dem Jahr 1967 die gelungenste ihrer Karriere.

Eine Paraderolle in ihren späten Jahren wurde die Old Lady in Leonard Bernsteins „Candide“. Im folgenden Ausschnitt habe ich Christa Ludwig seinerzeit erstmals erlebt: Den Tango „I am so easily assimilated“ sang sie zum 70. Geburtstag des Komponisten im August 1988 in Tanglewood und bewies dabei ihr umwerfendes Talent für musikalische Komik. Dieser Auftritt hatte Folgen – sie ersang sich mit diesem Ständchen die Partie in Bernsteins Gesamtaufnahme des Werks, die ein Jahr später in London stattfand – 1988 musizierte der Tanglewood Festival Chorus und das Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von John Mauceri:

Der letzte Liederabend, den Christa Ludwig am 24. April 1994 im Wiener Musikverein zusammen mit den Pianisten Charles Spencer gab, zeigt noch einmal die große Kunst dieser Ausnahmesängerin in Liedern von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Gustav Mahler und Hugo Wolf – allein die Zugaben von Leonard Bernstein, Hugo Wolf, Richard Strauss und Johannes Brahms lohnen sich schon – nur wenigen Sängern ist es vergönnt, sich so von ihrem Publikum verabschieden zu können:

Das Schlusswort hat Leonard Bernstein – über die Wirkung ihres Singens schwärmte Leonard Bernstein: „Ich dachte immer, dass Christa Ludwig die größte Brahms-Sängerin ist, aber das war sie, bis ich sie Strauss singen hörte. Wieder musste ich ihr einen neuen Thron zuweisen. Dann hörte ich sie Wagner singen, und wieder erlebte ich dasselbe. Und als ich sie jüngst hörte, mit ihrer unglaublichen Interpretation der Old Lady in meinem Musical „Candide“, da musste ich aufgeben. Sie ist einfach die Beste.“
Dem ist nichts hinzuzufügen – ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende und grüße Sie herzlich aus Braunschweig
Matthias Wengler