Musik in schwierigen Zeiten – Folge 166

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
gäbe es eine Hitparade der Orgelmusik, dann würde das heutige Stück sehr oft in den oberen Platzierungen auftauchen: Die Suite gothique op. 25 von Léon Boëllmann.
César Francks viel zitierter Satz, „Mon orgue, c’est un orchestre!“, sagt viel über die Entwicklung des französischen Orgelbaus in der Romantik aus, die natürlich auch die Orgelmusik maßgeblich beeinflusste. Als Klangideal galt seinerzeit das Sinfonieorchester. Zur völligen Entfaltung brachte die neue Ästhetik der Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll. Er perfektionierte die klanglichen und technischen Innovationen der Zeit und integrierte sie auf geniale Weise in seine eigenen Ideen und Erfindungen. In seinen Instrumenten findet man die vollkommene Realisierung des romantisch-sinfonischen Klangideals.
Zu den Stücken dieser Zeit gehört unbedingt auch die Suite gothique. Ihr Komponist Léon Boëllmann stammte aus dem Elsass. 1871 ging er nach Paris, um dort nach dem Studium an der École Niedermeyer als Organist an den beiden von Aristide Cavaillé-Coll erbauten Orgeln von St. Vincent-de-Paul zu wirken. Boëllmanns berühmtestes Orgelwerk ist die viersätzige Suite gothique, komponiert 1895 zur Orgeleinweihung der gotischen Kirche Notre-Dame in Dijon. „Suite“ bezeichnet in diesem Werk nicht eine Folge von Tanzsätzen, sondern einen sonatenähnlichen Zyklus mit einer feierlichen Eröffnung („Introduction-Choral“), einem pompösen Scherzo („Menuet gothique“) und einem innigen langsamen Satz („Prière à Notre-Dame). Den Abschluss bildet eine pathetische und (je nach Orgel) klanglich oftmals überwältigende Toccata.
Zwei Organisten, die bereits im Rahmen der Internationalen Orgelwochen in Königslutter an der Furtwängler&Hammer-Orgel im Kaiserdom konzertierten, habe ich heute für Sie ausgewählt – zunächst Jean-Baptiste Dupont, der hier an der Cavaillé-Coll-Orgel in der Basilika Saint-Sernin in Toulouse zu erleben ist:

Alternativ möchte ich Ihnen noch ein Arrangement von Dezs? Antalffy-Zsiross für Orgel und Blechbläser vorstellen: Xaver Varnus musizierte am 4. Juni 2006 gemeinsam mit dem Sir Georg Solti Brass Ensemble im Budapester Palast der Künste. Es war zugleich das Einweihungskonzert der dortigen Orgel, ein Gemeinschaftswerk der Pécsi Orgonaépít? Kft. („Pécser Orgelbauer GmbH“) und der deutschen Firma Mühleisen:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler