Musik in schwierigen Zeiten – Folge 165

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
bei der Suche nach einer Aufführung des heutigen Musikstücks bin ich auf ein wahrhaftig spektakuläres Konzert gestoßen, denn hier reicht ein Sinfonieorchester in großer Besetzung allein nicht aus – auch Orgel, Chorgesang, das Geläut großer Kirchenglocken und Kanonenschüsse sind in Peter Tschaikowskys Ouvertüre solennelle „1812“ op. 49 vorgesehen.
Musik ist nicht nur eine Kunst, die Frieden schafft, ein Symbol für Völkerverständigung und zwischenmenschliche Harmonie. Es gibt Kompositionen, die verwandeln Konzertsäle in wahre Kriegsschauplätze. *“Das wird sehr laut und lärmend werden“*, schreibt Peter Tschaikowsky über ein musikalisches Schlachtengemälde, das alle anderen martialischen Kompositionen an Dynamik und Spezialeffekten übertrifft.
Das Stück wurde von Nikolai Rubinstein für die Erlöser-Kathedrale in Auftrag gegeben, deren Einweihung mit der Moskauer Kunst- und Industrieausstellung und dem Silberjubiläum des Zaren zusammenfiel. Da mit dem Bau der Kathedrale an die Ereignisse von 1812 erinnert werden sollte, als Napoleons Armeen in die Flucht geschlagen wurden, entschied sich Tschaikowsky für eine programmatische Beschreibung der Schlacht, wobei auf französischer Seite die Marseillaise und für Russland eine orthodoxe Gebetshymne, ein Volkslied und – beim endgültigen Sieg – die Zarenhymne „Gott schütze den Zaren“ erklingt. Die Ouvertüre diente demnach nicht nur einem kirchlichen, sondern auch einem höfischen und vor allem patriotischen Anlass. Die zur Besetzung gehörenden Kanonen haben dieses Stück zu einem beliebten Spektakel werden lassen. Peter Tschaikowsky hat dagegen sein kriegerisches Werk nicht besonders gemocht, er betrachtete es als lästige Auftragsarbeit ohne großen künstlerischen Wert.
In der Ouvertüre symbolisieren am Ende die 16 Kanonenschüsse den Triumph der russischen Armee über Napoleons Invasionstruppen. Doch auch im 20. Jahrhundert sollten jene Schüsse ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Auf der „1812“-Aufnahme von Antal Doráti mit dem Minneapolis Symphony Orchestra (1954) erzeugten die verwendeten Vorderlader eine derart hohe Dynamik, dass sie damit entweder die Boxen zerstörten oder gleich die Abtastnadel aus der Plattenrille warfen – was die Nadel gelegentlich nicht überlebte. So mussten also nicht nur Napoleons Truppen, sondern auch ganze Armeen von Musikanlagen leiden.
Schnell wiesen Fachzeitschriften auf diesen Umstand hin. Das wiederum kurbelte den bis dahin schleppenden Verkauf der Platte mächtig an. Offensichtlich fanden zahlreiche Konsumenten Gefallen daran, ihre Anlage extremen Bedingungen auszusetzen. In den ganzen 50er-Jahren gab es in den USA gerade einmal zwei Klassik-Platten, die Gold-Status erreichten. Dorátis „1812“ war eine davon.
Heute also ein Stresstest für Ihre Boxen am Endgerät – in der Aufführung des Hallé Orchestras bei den BBC Proms 2004 fehlt lediglich der Chor, der aber hier durch das Blechbläserensemble London Brass würdig ersetzt wird. Und auch ein Feuerwerk am Schluss fehlt nicht. Auch wenn ich solche Aufführungen heute mit Blick auf die Umwelt sehr kritisch sehe: Faszinierend und spektakulär ist so eine Aufführung allemal. Sir Mark Elder dirigiert das Spektakel:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler