Musik in schwierigen Zeiten – Folge 164

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
unter seinen vier Klavierkonzerten ist es sicherlich das mit Abstand beliebteste und am häufigsten aufgeführte Werk: Heute steht Sergej Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 im Mittelpunkt.
Eine schwere Krise plagte den sensiblen Sergej Rachmaninow nach dem Misserfolg seiner ersten Sinfonie; er litt an Selbstzweifeln und Depressionen und konnte fast vier Jahre keine Note mehr zu Papier bringen. Erst die Behandlung durch den Nervenarzt Dr. Nikolai Dahl brachte Abhilfe. Dahl war ein großer Musikliebhaber und eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychoanalyse. Mittels Hypnose suggerierte er seinem Patienten, dass er ein neues Klavierkonzert schreiben werde: „*Sie werden mit spielerischer Leichtigkeit arbeiten…das Konzert wird von herausragender Qualität sein.“ *Rachmaninow berichtet, dass der Arzt immer wieder dieselben Worte sprach und schon kurze Zeit darauf, im Sommer 1900, begann er sein Klavierkonzert zu schreiben, das er aus Dankbarkeit dem Arzt widmete. Die Uraufführung des Konzerts fand im Oktober 1901 in Moskau mit dem Komponisten am Klavier statt und bescherte ihm den internationalen Durchbruch.
Mit acht Akkorden beginnt das Werk, Glockenklänge aus weiter Ferne, die immer intensiver erklingen, bevor nach einer kurzen Überleitung das Orchester mit dem ersten, schwelgerischen Thema einsetzt. Rachmaninow war der König unter den Klaviervirtuosen und ein inspirierter Komponist, der stets schöne, sogar gefährlich schöne Musik schrieb. *“Die Musik muss aus dem Herzen kommen und zu Herzen gehen“*, sagte er einst. Das rächte sich, denn kaum ein Werk wurde häufiger für Schnulzen in Hollywood-Filmen missbraucht als sein zweites Klavierkonzert. Es ließ bereits 1955 Marilyn Monroe in dem Billy-Wilder-Film „Das verflixte siebte Jahr“ vor Rührung und Ergriffenheit erstarren:

Auch wenn Rachmaninows Klavierkonzert immer wieder in die Nähe von Kitsch gerückt wurde, handelt es sich hier eindeutig um ein Fehlurteil, denn harmlos ist dieses Werk beileibe nicht. Immer wieder sind unvermutete dramatische Aufschwünge eingeschaltet, und überhaupt verstand es der Komponist, den musikalischen Verlauf seiner Werke meisterhaft zu disponieren. Nach dem ausdrucksvollen langsamen Satz fügt das Finale dem Werk schließlich sogar einige humoristische Töne hinzu. Auch hier fehlen die gefälligen Themen nicht, die das Klavierkonzert so eingängig machen. Und erneut gibt es auch großartige Steigerungen, mit denen das Klavierkonzert dankbare Herausforderungen an den Solisten stellt.
Heute möchte ich Ihnen einen Pianisten vorstellen, den ich bis vor ein paar Tagen noch gar nicht gekannt habe, der aber mit Sicherheit eine glänzende Karriere vor sich hat: Alexander Malofeev spielte am 20. August 2017 mit dem Baltic Sea Philharmonic unter der Leitung von Kristjan Järvi Rachmaninows zweites Klavierkonzert. Das Konzert fand im Rahmen des Rheingau-Musikfestivals im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses statt – und als Zugabe spielt der damals 16-jährige Pianist noch Sergej Prokofjews Toccata op. 11:

Rachmaninows drittes Klavierkonzert hatte ich Ihnen bereits in Folge 117 vorgestellt – da mich aber der junge Pianist so begeistert, empfehle ich Ihnen noch den folgenden Mitschnitt vom 30. Dezember 2018 in der Moskauer Tchaikovsky Concert Hall mit diesem Werk. Es spielt das Russian National Youth Symphony Orchestra unter der Leitung von Dimitris Botinis – und wenn ich mir die Schlussbilder anschaue, werden wohl alle Blumenhändler Moskaus an diesem Tag ausverkauft gewesen sein…:

Ihnen allen einen schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler