Musik in schwierigen Zeiten – Folge 163

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
nicht jedem Musiker ist es vergönnt, den 90. Geburtstag zu erleben – wenn man ihn dann aber noch aktiv mit einem Konzert unter Freunden bestreiten kann, ist das sicherlich ein besonderes Geschenk, noch dazu, wenn dies mit einem Höhepunkt der Kammermusik geschieht: Unser heutiges Musikstück ist das Klavierquintett Nr. 2 A-Dur op. 81 von Antonin Dvorák.
Die Entstehung dieses Klavierquintetts verdanken wir einem Zufall. Als der Komponist 1887 auf die Partitur seines frühen Klavierquintetts Nr. 1 A-Dur op. 5 stieß, war er mit dessen Qualität so unzufrieden, dass er ein neues Werk in gleicher Besetzung, Tonart und Anlage schrieb. Im August begann er das neue Quintett, die Uraufführung wurde am 8. Januar 1888 im Rudolfinum in Prag von vier der besten tschechischen Streichern der Zeit und dem vielversprechenden Dirigenten und Komponisten Karel Kovarovic am Klavier gespielt. Die englische Erstaufführung in London vier Monate später verhalf dem Quintett sofort zum internationalen Durchbruch.
Bis heute ist es eines der meistgespielten des Komponisten, denn es repräsentiert das Paradigma seiner Kammermusik: reiche melodische Erfindung, üppiger Klang, meisterliche Form, Volkstümlichkeit neben spätromantischem Pathos sowie tschechische Einflüsse, die sich in den Titeln der Mittelsätze niederschlagen. Nahtlos reiht sich das Quintett in die große Reihe romantischer Klavierquintette von Schubert, Schumann und Brahms ein. Dvoráks Quintett wirkt wie der Versuch einer Synthese aus dem naiv strömenden Lyrismus von Schuberts Forellenquintett und dem sinfonischen Charakter des Brahms-Quintetts.
In den Mittelsätzen knüpfte Dvorak an sein neun Jahre früher komponiertes Streichsextett A-Dur op. 48 und an das Streichquartett Es-Dur op. 51 an. Wie dort, so ist auch hier das Adagio eine Dumka, wie im Sextett das Scherzo ein Furiant. Die Dumka ist ein ukrainischer Volkstanz, für den der Wechsel zwischen Iangsamen, melancholischen Teilen und schnellen Tanzabschnitten typisch ist. In der Dumka des Klavierquintetts hat Dvorak außerdem einen halbschnellen Zwischenteil eingefügt, der durch seine eigenartigen Klangmischungen zwischen Klavier und Streichern fasziniert. Der Furiant des dritten Satzes ist ein tschechischer Volkstanz im schnellen Dreiertakt, der im Trio auf wundersame Weise an eines der „Lyrischen Stücke“ Edvard Griegs erinnert. Das Finale konkurriert nicht mit dem kontrastreichen Kopfsatz, sondern gibt sich als schwungvolle Polka mit kunstvoller Fugato-Durchführung.
Mit diesem Werk bestritt der Pianist Menahem Pressler am 7. November 2013 seinen 90. Geburtstag in der Pariser Salle Pleyel. Der gebürtige Magdeburger wurde durch den Nazi-Terror ins Exil gezwungen. Mehr als 50 Jahre war er der Pianist des legendären Beaux Arts Trios. Mit 90 Jahren gab der nimmermüde, agile Virtuose Anfang 2014 sein umjubeltes Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Spätestens mit diesem Auftritt wurde die Weltöffentlichkeit auf die zweite, späte Solokarriere des einstigen Kammermusik-Spezialisten aufmerksam. Mit dem großartigen Quatuor Ebène ist er hier mit Dvoráks zweitem Klavierquintett zu erleben:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler