Musik in schwierigen Zeiten – Folge 161

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
kein klassisches Musikstück ist häufiger in der Werbung verwendet worden als Carl Orffs „Carmina Burana“, eines der bekanntesten und beliebtesten Werke der Chorliteratur des 20. Jahrhunderts.
*“Fortuna hat es gut mit mir gemeint, als sie mir an dem für mich denkwürdigen Gründonnerstag 1934 einen Antiquariatskatalog in die Hände spielte, in dem ich einen Titel fand, der mich mit magischer Kraft anzog.“ *Mit diesen Worten beginnt Carl Orff in seinen Lebenserinnerungen jenes Kapitel, in dem er von der Entstehung seiner „Carmina Burana“ berichtet. Auch nach beinahe 85 Jahren nach der Frankfurter Uraufführung im Juni 1937 ist diese Komposition eines der am meisten aufgeführten Werke der Musikgeschichte überhaupt. Immer noch gilt: Wenn die „Carmina Burana“ auf dem Spielplan angekündigt sind, stehen die Menschen Schlange.
Als Carl Orff diese Musik schreibt, ist er knapp 40 Jahre alt, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und ist alleinerziehender Vater. Obwohl er aus einer wohlhabenden Münchner Großbürgerfamilie stammt, ist er arm und verdient sein Geld hauptsächlich mit Musikunterricht. Als Komponist ist er unter Kollegen und Fachleuten bekannt und geschätzt, aber noch fehlt der große Erfolg beim Publikum. Doch Carl Orff weiß, was er will: Anerkennung, Ruhm, Ewigkeit.
Der Sprachforscher Johann Andreas Schmeller gab 1847 eine Liedersammlung heraus, die er nach ihrem Fundort, dem Kloster Benediktbeuren, „Carmina burana“ nannte. Die Sammlung, die aus der Zeit um 1300 stammt, enthält Vaganten-Poesie in lateinischer und in anderen Sprachen. Orff stellt hieraus gemeinsam mit seinem Freund und Mitarbeiter, dem Bamberger Staatsarchivrat Michel Hofmann, zwei Dutzend Texte in lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache aus und wählt eine Großgliederung in drei Abschnitten: I. „Primo vere“ und „Uf dem Anger“; II. „In taberna“; III. „Cour d‘ amour“ und „Blanziflor et Helena“. Umrahmt werden die drei Abschnitte von dem Chorsatz „Fortuna Imperatrix Mundi“. Die drei Teile besingen das Erwachen des Frühlings und die aufkeimende Liebe, leibliche Genüsse in Form von Sauf- und Fressliedern sowie verschiedene Phasen der Liebesannäherung zwischen Jungfrau und Jüngling mit einem Lobgesang auf die Venus. Der Schlusschor führt die Betrachtung jedoch wieder zurück auf Fortuna, deren Schicksalsrad alle Menschen ausgeliefert sind.
Aber Fortuna zeigt auch Carl Orff ihr wandelbares Gesicht: Das Werk macht den Komponisten weltberühmt; gleichzeitig fällt seine Entstehung und Uraufführung in die Zeit des Dritten Reichs, und so ist Orffs Aufstieg als Komponist untrennbar verbunden mit den kulturpolitischen Interessen und Aktivitäten der Nationalsozialisten. Nach anfänglichen Widerständen gegen diese *“bayerische Negermusik“* setzt sich das Werk innerhalb von wenigen Jahren durch und beschert Orff einen Aufstieg, der ihn neben Richard Strauss und Hans Pfitzner zu einem der wichtigsten Komponisten im Dritten Reich werden lässt.
Wegen ihrer eingängigen Harmonik und ihrer packenden Rhythmik gilt Orffs Musik vielen NS-Kulturpolitikern als Gegenmittel zur Atonalität der Zwölfton-Moderne. Gleichzeitig dient sie den Nationalsozialisten als Ausweis ihrer Avantgarde-Freundlichkeit. Von diesen Zusammenhängen will Carl Orff nach 1945 nicht mehr viel wissen, im Gegenteil: Geschickt betreibt er Legendenbildung und scheut auch nicht davor zurück, seine Person und sein Werk in die Nähe des politischen Widerstandes zu rücken. Seine Karriere als Komponist kann Orff nach dem Zweiten Weltkrieg bruchlos fortsetzen. Ein Erfolg wie die „Carmina Burana“ ist ihm allerdings kein zweites Mal geglückt.
Im Silvesterkonzert 1989 fand eine besonders temperamentvolle Aufführung von Orffs Meisterwerk in der Berliner Philharmonie statt. Die Mitwirkenden waren Kathleen Battle (Sopran), Thomas Allen (Bariton) und Frank Lopardo (Tenor), The Shin-yu Kai Chorus, die Knaben des Staats- und Domchores Berlin und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Seiji Ozawa:

1975 verwirklichten der Bayerische Rundfunk und das ZDF eine Filmversion, bei der Jean-Pierre Ponnelle die Ausstattung kreierte und Regie führte. Das Ergebnis war eine für den heutigen Geschmack vielleicht allzu bunte und gefällige, aber sehr aussagekräftige, beinahe deiktisch reale Illustration von Wort und Musik in Gestalt eben jener magischen Bilder, die Orff wohl vorschwebten: Mittelalterlich gekleidete Mägdelein und Burschen tummeln sich zu jeder Jahreszeit im Freien, Hermann Prey liegt in einer Wiese und singt, ein Karren voll mit Skeletten wird ausgekippt und seine Ladung von der Menge fröhlich zerrupft. Dargestellt ist jenes unausweichliche „Stirb und Werde“, jenes mondenhafte Kommen und Gehen irdischen Glücks, das Carl Orff beim ersten Blick in die alte Handschrift augenblicklich ansprach und inspirierte.
Die Aufnahme, die der Filmversion zu Grunde liegt, war im Juli 1973 in München entstanden: Kurt Eichhorn, ein enger Vertrauter Orffs, konnte über einen exzeptionell gut disponierten Chor des Bayerischen Rundfunks mit vor jugendlicher Intensität bebenden Sopranen und Tenören sowie über ein erstklassig agierendes Münchner Rundfunkorchester u. a. mit brillantem Blech verfügen. Lucia Popp (Sopran), Hermann Prey (Bariton) und John van Kesteren (Tenor) runden als Solisten das Bild ab. Hier der Link zur Filmversion:

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler