Ermutigungswort für den Sonntag Misericordias Domini, 2. Sonntag nach Ostern 18. April 2021

Hesekiel 34: „Und das Wort des Herrn erging an mich folgendermaßen: Menschensohn, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, den Hirten: So spricht Gott, der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden!“

Liebe Leserin, lieber Leser,
Oha! Regentenschelte. Und das in einer Zeit, in der sich Bund und Länder darüber streiten, wer wie viel Kompetenzen zur Bekämpfung der Pandemie besitzen soll. Bisher hatten die Bundesländer mit ihren Ministerpräsident*innen immer das letzte Wort. Das soll nun durch eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes anders werden. Man darf gespannt sein, wie am Ende das Ergebnis aussehen wird. So oder so wirft das Prozedere aber die Frage auf, inwieweit die Regierenden ihrer Verantwortung gerecht geworden sind, Schaden vom Volk abzuwenden. Denn stünde das nicht im Hintergrund der Machtdebatte, hätten wir sie nicht. Irgendwer ist der Meinung, dass es hätte anders – besser – laufen können, wenn nicht … ja, wenn nicht was? Wenn es keinen Wahlkampf geben würde? Wenn es keine Kanzlerkandidatenfrage innerhalb der Union gäbe? Wenn die Länder einheitlicher re- und agiert hätten? Wenn der Bund sich komplett rausgehalten hätte? Ganz gleich, wie man zu diesen Fragen Stellung bezieht, sie stehen im Raum. Und damit sind wir nicht sehr weit vom Thema des alttestamentlichen Textes aus dem Buch Hesekiel weg. Denn auch da geht es um die Frage, wie gut – oder wie schlecht – sich die Herrschenden um ihr Volk Israel gekümmert haben. Und welche Konsequenzen Hesekiel deswegen anzukündigen hat.
Der Prophet bemüht das alte Bild vom Hirten und den Schafen. Auch wenn wir inzwischen ein etwas romantisierendes Bild vom Alltag eines Schäfers haben, so bleibt doch die Überzeugung, dass zwischen dem Hirten und seiner Herde ein besonderes Vertrauensverhältnis besteht. Der Hirte ist dafür verantwortlich, dass kein Schaf verloren geht, dass ausreichend Weidegras gefunden und kein Tier gerissen wird. Natürlich hat er auch ein Eigeninteresse daran, seine Herde zu schützen, schließlich garantiert sie seinen Lebensunterhalt. Dennoch haben wir hier nicht die Vorstellung von einem Ausbeuter und seinen Sklaven im Kopf, sondern vielmehr das eines sich verantwortungsvoll Kümmernden gegenüber den ihm anvertrauten Leben. Und genau so ist dieses Bild auch von Hesekiel gemeint. Und genau so wird es wohl auch von seinen Hörer*innen immer verstanden worden sein. Und genau so dürfen auch wir es interpretieren. Und daraus unsere Schlüsse ziehen.
Der Prophet – oder besser: sein Gott – ist nicht damit zufrieden, wie sein Volk regiert wird. Nicht
nur, dass es nicht gehegt und gepflegt wird, man scheint es auch darüber hinaus auszubeuten. Hier artikuliert sich genau das Gegenteil von dem, was man unter einem Hirten versteht. Übrigens, Klammer auf: Ein „guter” Hirte ist m. E. ein weißer Schimmel. Entweder man ist Hirte und man macht seinen Job oder man darf sich so nicht nennen. Klammer zu. Die Regenten Israels machen jedenfalls nach Auffassung Hesekiels ihren Job miserabel. Die Vorwürfe sind gravierend: „Weil meine Schafe zum Raub geworden sind, ja, weil meine Schafe allen wilden Tieren des Feldes zum Fraß geworden sind, weil sie keinen Hirten haben und meine Hirten nicht nach meinen Schafen fragen, und weil die Hirten nur sich selbst weiden und nicht meine Schafe …” – darum schreitet Gott nun ein!
Es wird deutlich: Es geht nicht um die „Untertanen” jener, die das Zepter in der Hand halten, es geht um Gottes Schafe, um seine Kinder, um seine Geschöpfe. Und Gott macht deshalb die Angelegenheit nun zur Chefsache! „Siehe, ich selbst will nach meinen Schafen suchen und mich ihrer annehmen!”
Die Frage, die wir uns nun zu stellen haben, ist: Welche Rolle spielen wir in diesem Stück?
Als Gemeinde versetzen wir uns klassischerweise in die Lage der Schafe. Das würde bedeuten, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, am Ende ist es Gott selbst, der uns hütet. Wir mögen in diesem Leben unter diesen Hirten aufblühen oder unter jenen leiden, aber unsere spirituelle Geborgenheit kann uns niemand nehmen. Und aus dieser Sicherheit heraus dürfen wir leben, auch in einer solchen Krise, wie wir sie derzeit durchmachen. Doch nicht nur das!
Gott ruft uns darüber hinaus auf, als Hirten füreinander da zu sein. Wir tragen auch Verantwortung für andere, vielleicht öfter als wir es uns bewusst machen: in der Familie, in der Schule, im Beruf, als Nachbar.
Jeder sollte dem anderen ein guter Hirte sein können und bereit sein, diese Aufgabe zu übernehmen. Gerade auch in unsicheren Zeiten, in denen das Füreinander noch wichtiger erscheint als sonst. Insofern gilt die Warnung, die Hesekiel ausspricht, auch jedem unter uns: Achtet gut aufeinander!
Misericordias Domini … so heißt dieser Sonntag. Der Satz geht weiter: in aeternum cantabo. „Von deiner Barmherzigkeit, Herr, will ich in Ewigkeit singen.”
Nun, mit dem Singen ist es unter den Hygienemaßnahmen derzeit ja schwierig. Dennoch können wir dieses Lied hinaus in die Welt tragen, indem unsere Barmherzigkeit gegenüber unseren Nächsten die Melodie unseres Lebens bestimmt. Folgen wir also den Worten des Propheten Hesekiel: „Verlorene will ich suchen und das Verscheuchte zurückholen und das Verwundete verbinden; das Schwache will ich stärken …”

Thomas Posten,
Pfarrer in Abbenrode, Destedt, Hemkenrode, Erkerode und Lucklum
im Pfarrverband Zwölf Apostel / Cremlingen