Musik in schwierigen Zeiten – Folge 160

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
unser heutiges Musikstück war in meiner Schulzeit untrennbar mit dem Spielfilm „10 – Die Traumfrau“ verbunden. Kaum jemand konnte damals Maurice Ravels Boléro hören, ohne automatisch an Bo Derek zu denken; es ist jedoch bis heute eines der bekanntesten und meistgespielten Orchesterwerke überhaupt. Ausschlaggebend für für die Entstehung war jedoch eine andere Frau: Der Boléro entstand in den Monaten Juli bis Oktober 1928 auf Anfrage der Tänzerin Ida Rubinstein, die sich ein Orchesterstück in der Form eines spanischen Balletts von Ravel wünschte.
Ursprünglich wollte Ravel einige Tänze aus „Ibéria“ von Isaac Albéniz umschreiben; wegen urheberrechtlicher Probleme entschied er sich dann jedoch für eine ganz eigene und einzigartige Form der Komposition: *„Ein einsätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters.“ *Ravel bedient sich in seinem 15-minütigen Meisterwerk unerhörter harmonischer Fortschreitungen bis hin zur Bitonalität und lässt das Stück mit einem scharfen Dissonanzakkord enden, der sich nach Dur auflöst.
Die Uraufführung in der Pariser Oper am 22. November 1928 unter der Leitung von Walther Straram und in der Choreographie von Bronislava Nijinska bestritt die damals 43-jährige Ida Rubinstein höchstpersönlich, umgeben von 20 jungen Tänzern. Das Werk gelangte in kürzester Zeit zu größter Popularität und hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Jedes namhafte Orchester hat das Stück im Repertoire, und es dürfte kaum einen prominenten Dirigenten geben, der das Werk nicht dirigiert hat.
Drei Konzertmitschnitte habe ich heute für Sie ausgewählt. Zunächst: Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert Karajan, die den Boléro in ihrem Silvesterkonzert 1985 als Schlussstück im Programm hatten:

Am 22. März 1992 feierten die Wiener Philharmoniker ihr 150-jähriges Bestehen mit einem Festkonzert im Großen Saal des Wiener Musikvereins – Riccardo Muti dirigierte Ravels Meisterwerk ebenfalls zum Abschluss des Konzertes:

Der mit Abstand eigenwilligste Interpret von Ravels Boléro war der Dirigent Georges Prêtre. Mit den Wiener Philharmonikern konnte ich ihn mit diesem Stück noch 2016 in der Berliner Philharmonie erleben – an mehreren Stellen ließ er die Melodie aus dem unerbittlichen Rhythmus taumeln. Georges Prêtre ist hier in einem Mitschnitt aus dem Jahr 1994 mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI in Turin zu erleben:

Zu seinem Boléro sagte Ravel selbst:* „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Boléro; leider enthält er keine Musik.“ * Und noch ein weiteres Zitat ist überliefert: *“Hilfe, ein Verrückter, ein Verrückter!“*, soll eine ältere Dame bei einer der ersten Aufführungen des Boléro im Publikum gerufen haben; Ravel sagte dazu später: *„Diese Frau ist die einzige, die mein Stück verstanden hat.“ *
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler