Musik in schwierigen Zeiten – Folge 159

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
seinen 100. Geburtstag würde in diesem Jahr der argentinische Komponist Ariel Ramirez feiern. Zu seinem bekanntesten Werk wurde seine „Misa Criolla“, die bis heute von Chören und Solisten in der ganzen Welt gesungen wird.
*„Ich nahm mir vor, ein religiöses Werk zu komponieren, das die Hoffnung der Menschheit auf eine bessere Welt ausdrücken sollte“* – nicht weniger als das beabsichtigte Ramirez mit seiner 1964 in Buenos Aires erstmals aufgenommenen „Misa Criolla“. In der „Kreolischen Messe“ werden die liturgischen Elemente in spanischer Sprache gesungen – nicht mehr auf Latein. Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei erklingen hier als südamerikanische Folkloremusik und mit ihren speziellen Rhythmen.
Jeder Teil der Messe basiert auf traditionellen argentinischen Tänzen oder Liedern: das Vidala-Baguala für das Kyrie bezieht sich auf die lyrisch vokale Form aus Bolivien und Nord-Argentinien. Wie bei der Aufführung von Bagualas üblich, wird auch das Kyrie der „Misa Criolla“ von zwei Tenortrommeln begleitet, die der Bombo Argentino entsprechen. Das lebhafte Gloria bedient sich des Carnavalito-Yaraví, eines Tanzes aus den Anden. Der gleiche Tanz, der Carnival-Cochabambino (eine Variante aus Cochabamba, Bolivien) bestimmt dann das Sanctus. Das Credo greift auf einen Tanz, die Chacarera, zurück, während das Agnus Dei einem emotionalen Liedtypus aus der Pampa verwendet, Gesänge aus der Provinz Buenos Aires, Estilo Pampeano genannt. Die Balance zwischen den fünf Sätzen erreicht Ramírez durch die Verwendung von lyrischen Formen für die beiden eher introvertierten Anfangs- und Schlussabschnitte (Kyrie und Agnus Dei) und den Gebrauch von drei Tänzen für die dynamischeren Mittelsätze (Gloria, Credo und Sanctus). Die Messe ist für Solotenor, gemischten Chor, Perkussion, Anden-Instrumente, Kontrabass und Cembalo oder Klavier gesetzt.
Die erste Einspielung, an der u. a. Ariel Ramirez selbst und der Charango-Musiker Jaime Torres teilnahmen, wurde ein riesiger Verkaufserfolg. 1967 erlebte die „Misa Criolla“ ihre Europapremiere in der Stuttgarter Liederhalle, gefolgt von einer Tournee durch Deutschland, Frankreich und Holland. Damals trat das geistliche Werk, das in bewegender Weise Freude, Trauer und religiöse Anbetung ausdrückt, seinen internationalen Siegeszug an. Aufgenommen haben die „Misa Criolla“ so berühmte Sänger wie Mercedes Sosa und José Carreras.
Einen Konzertmitschnitt mit José Carreras möchte ich Ihnen auch heute empfehlen – neben dem spanischen Star-Tenor sangen und musizierten am 21. Juni 1990 in der Mission Dolores (San Francisco) Ariel Ramirez (Klavier), Domingo Cura (Percussion), das Cuarteto Andino, Gregorio N. Quepilodor und der Coro de la Basilica de Socorro (Argentinien) unter der Leitung von Jesus Gabriel Segade.

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler