Musik in schwierigen Zeiten – Folge 158

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
meinen Urlaub verbringe ich gerne an der See – und da mich in diesen Wochen immer mal wieder das Fernweh packt, muss einmal mehr Musik aushelfen. Meine Wahl fällt daher heute auf Claude Debussys „La Mer“.
Die drei sinfonischen Skizzen (so der Untertitel von „La Mer“) stellen in Debussys Entwicklung einen großen Schritt nach vorn dar und könnten als ein musikalisches Äquivalent des Schaffens eines Malers wie Claude Monet bezeichnet werden – wie es etwa der Maler und Kritiker Camille Mauclair 1902 vorschlug: *„Die herrlichen Landschaften von Claude Monet sind nichts anderes als Symphonien aus Lichtwellen; und die Musik von Herrn Debussy, die nicht auf einer Folge von Motiven, sondern auf der jeweiligen Kraft der Klänge an sich basiert, kommt diesen Bildern besonders nahe; es ist ein Impressionismus aus Klangtupfern.“ *
Zu den Einflüssen visueller Art zählt auch der japanische Maler Katsushika Hokusai, bekannt für seine Seelandschaften und stark stilisierten Lichteffekte. Auf ausdrücklichen Wunsch des Komponisten wurde denn auch auf der Titelseite der Orchesterpartitur ein Holzschnitt von Hokusai („Die große Welle vor Kanagawa“) abgebildet. „La Mer“ hat seit der Uraufführung zahlreiche Kommentare hervorgerufen, denn seine bis heute währende Popularität im Konzertsaal wird begleitet von einer Reihe innovativer Aspekte. Hierzu gehören die Überlagerung von Rhythmen, die Befreiung der Harmonie, eine größere Unabhängigkeit der instrumentalen Klangfarben und schließlich eine Öffnung der Form, die sich nun von der romantischen Tradition absetzt. Das Werk erzeugt seine eigene Form, die es in seinem Verlauf enthüllt.
Die Arbeit an „La Mer“ erstreckte sich über einen längeren Zeitraum, zwischen September 1903 und März 1905. Obwohl Debussy Zweifel am Fortbestand der Sinfonie als Formtypus äußerte, ist es doch verlockend, „La Mer“als solche zu betrachten: Der Anfangsteil („De l’aube à midi sur la mer“ – „Morgengrauen bis Mittag auf dem Meer“) wäre sowohl erster wie auch langsamer Satz, der zweite Teil („Jeux de vagues“ – „Spiel der Wellen“) wäre das Scherzo und der dritte Teil („Dialogue du vent et de la mer“ – „Dialog zwischen Wind und Meer“) das Finale.
Die Uraufführung durch das Orchestre Lamoureux fand am 15. Oktober 1905 statt und war ein Misserfolg, wofür man im Nachhinein die neue musikalische Sprache und die mittelmäßige Aufführung verantwortlich gemacht hat. Laut Kritik fanden die* „einen das Meer nicht wieder, die anderen die Musik“*. Das Urteil von Pierre Lalo, Musikrezensent und Sohn des Komponisten Edouard Lalo, kränkte Claude Debussy tief. Lalo schrieb: *“Zum ersten Mal hatte ich beim Anhören eines pittoresken Werkes von Debussy den Eindruck, nicht der Natur gegenüberzustehen, sondern einer Reproduktion der Natur, einer wunderbaren raffinierten, kunstvollen und geschickten Reproduktion, aber eben einer Reproduktion. Das Meer höre ich nicht, sehe ich nicht und spüre ich nicht.“ *Der Erfolg stellte sich schließlich am 19. Januar 1908 mit einer Aufführung durch das Orchestre Colonne unter der Leitung Debussys ein – obwohl dieser dem Vernehmen nach kein sonderlich begnadeter Dirigent war.
Heute gilt „La Mer“ als eines der wichtigsten Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts, das mit musikalischer Form und Naturverständnis ohne Programmmusik spielt und mit dem Stichwort „Impressionismus“ belegt ist.
Meine erste Empfehlung für heute hat Orchestergeschichte geschrieben: Mit einem Debussy-Programm, in dem „La Mer“ den Abschluss bildete, gab das von Claudio Abbado gegründete Lucerne Festival Orchestra am 14. August 2003 sein erstes Konzert im dortigen Kultur- und Kongresszentrum. Die Basis des Orchesters bilden die Mitglieder des von Abbado ebenfalls gegründeten Mahler Chamber Orchestra, außerdem wirken ebenso Kammerensembles wie das Hagen Quartett oder das Leipziger Streichquartett und international bekannte Solisten wie die Klarinettistin Sabine Meyer und der Trompeter Reinhold Friedrich mit. Das Konzert wurde damals live auf 3sat übertragen, und wieder einmal gelang es Claudio Abbado, in magischer Weise Orchester und Publikum bis in die Wohnzimmer zu faszinieren.

Im vergangenen Monat starb der Dirigent James Levine, dessen Name in den letzten Jahren ausschließlich durch Negativ-Schlagzeilen präsent war. Es ist hier nicht der Ort, darüber zu urteilen; es gilt jedoch festzuhalten, dass er zweifellos zu den großen amerikanischen Dirigenten unserer Zeit zählte und weltweit auch als Gastdirigent bei den großen Orchestern gefragt war – das kam in so manchem Nachruf m. E. zu kurz. Mehr als 40 Jahre prägte James Levine die New Yorker Metropolitan Opera, die er nach Missbrauchsvorwürfen 2018 verlassen musste. Debussys „La Mer“ dirigierte er am 6. Juni 1996 bei den Berliner Philharmonikern und begeisterte damals nicht nur mich im Saal:

Nur selten sind Fernsehkameras bei Orchesterproben großer Dirigenten dabei – 1993 war es bei Debussys „La Mer“ in München der Fall. In der folgenden Dokumentation, die zwischen Probenarbeit und Konzert hin- und herwechselt, kann man Riccardo Muti mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks über die Schulter schauen. Eine Anmerkung zu dem Video: Es dauert nur 70 Minuten, der Film läuft offensichtlich im Video zweimal nacheinander – und es handelt sich eindeutig nicht um das Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado, auch wenn zwischen beiden Dirigenten in jüngeren Jahren eine gewisse Ähnlichkeit bestand…:

Und zum Abschluss „La Mer“ noch einmal ganz anders: Als Zugabe erklang Charles Trenets gleichnamiges berühmtes Chanson am 9. Mai 2017 in der Kölner Philharmonie, arrangiert und gespickt mit ganz vielen Debussy-Zitaten von Matthias Kaufmann. Es spielt das Kölner Gürzenich-Orchester, und es singt(!) der Chefdirigent Francois-Xavier Roth:

Ihnen allen einen schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler